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[Bresslau, 1884]
[UCL Spec.Coll., Box 5, Signature: 33]

[Text testimonial:]

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Breslau
Tischri 5645. 
Octbr. 1884. 

Hochzuverehrender Herr !

Die unterzeichneten Vertreter des jüdisch-theologischen
Seminars in Breslau, welches die Religion, den Geist
und die Wissenschaft des Judenthums zu pflegen
und zu lehren bestimmt ist, erkennen es freudig
als ihre Pflicht und empfinden auf’s lebhafteste das
Bedürfniss, Ihnen, hochverehrter Herr, der Sie, erfüllt
von echter Gottesfurcht und Nächstenliebe, jederzeit für
die Ehre des Judenthums und das Heil seiner Be-
kenner mit bewunderungswürdiger Kraft und Auf-
opferung eingetreten sind, zu dem Tage, da Gottes
Gnade Ihnen die Vollendung von hundert Lebens-
jahren gewährt hat, ihre innigsten und herzlichsten
Glückwünsche auszusprechen. Es ist eben nicht die
ungewöhnliche Zahl der Jahre allein, welche die-
sen Tag auszeichnet: seine wahre und volle Be-
deutung liegt in dem reichen Gehalte, in dem hohen
Werthe dessen, was Sie, hochverehrter Herr, in diesem Le-
bensjahrhundert geleistet und vollbracht haben. Durch
eignes redliches Schaffen und Walten zu hervorragender
Stellung gelangt, geschätzt und ausgezeichnet durch die
wohlverdiente Gunst Ihrer edlen Landesfürstin, unter
den Grossen Ihres Landes geehrt und angesehen, bewahr-
ten Sie in Ihrem Innern und bewährten Sie in Ihrem 
Leben neben und mit Ihrer Barmherzigkeit für

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menschliche Leiden ohne Unterschied der Religion, des Stan-
des und der Nationalität ungeschwächt und unverkürzt Anhänglich-
keit an den Bund der Väter, warmes Mitgefühl für Ihre
Glaubensbrüder. Fand und ehrte Ihr grosses Vaterland und
dessen erlauchtes Königshaus in Ihnen den treuen, opferwilligen
und stets verlässlichen Patrioten, der dem Wohle des Ganzen wie
der Noth des Einzelnen aus seinen reichen Mitteln zu dienen
stets gern bereit war, so fand doch zugleich das Wohl und 
Wehe Ihrer Glaubensbrüder in Ihrem grossen Herzen den
Lebhaftesten Widerhall. Die Geschichte Israels ist nicht un-
dankbar für Thaten und Leistungen wie die Ihrigen. Es wird
unvergessen bleiben, wie Sie bis in Ihr hohes Alter das ganze
Gewicht Ihres Einflusses und Ihres Ansehens eingesetzt
haben, um die leidenden Brüder vor den Unbilden des im-
mer wieder auftauchenden Glaubenshasses nach Kräften zu
schützen. Palästina und Egypten, Syrien und die europäi-
sche Türkei, Russland und Rumänien waren wiederholent-
lich Zeugen Ihrer unermüdlichen und aufopfernden Anstren-
gungen zur Rettung der Verfolgten, zur Erleichterung der
Bedrückten, zur Befreiung der Gefesselten, zur Aufrichtung
der Gebeugten unter Ihren Glaubensgenossen. Es war Ihnen
vergönnt, hochverehrter Baronet, vor den Mächtigen der
Erde, vor Kaisern und Königen mit reichem Erfolge das
Wort zu nehmen und zu führen für die unschuldig Leiden-
den und Gekränkten. Darum wird Ihr Name gerühmt
und gesegnet, so weit auf Erden der jüdische Stamm ver-
breitet ist; darum verehren wir in Ihnen das Muster und 
Beispiel einer glänzenden Vereinigung unangetasteter Fröm-
migkeit mit strengster Gerechtigkeit und mildester Menschen-
liebe. Wenn irgendwo, so trifft bei Ihnen der Ausspruch

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des biblischen Weisen zu: „Ein Kranz voller Pracht ist das
greise Haupt; auf dem Wege der Gerechtigkeit wird es gefun-
den.“ (Spr. 16, 31.). Heil Ihnen, der Sie mit froher Befriedi-
gung auf ein edles langes Leben zurückblicken können! Heil
auch uns und unserer Zeitgenossen, dass uns die Freude ver-
gönnt ist, die Gnade Gottes sichtbar an einem Manne walten 
zu sehen, der in hohem Maasse dieselbe verdient und den
wir Alle mit so vollem Recht und so von ganzem Herzen
verehren und lieben! Möge Gottes gnädige Hand auch fer-
ner Ihr theures Haupt schützen! Möge er Jahre fügen zu
Ihren Jahren und Ihnen noch ferner die Gesundheit des
Körpers und die Frische des Geistes erhalten! Möge auch
in den kommenden recht zahlreichen Jahren Ihres Lebens, 
hochverehrter Sir Moses, sich das Wort erfüllen, welches die
heilige Schrift von Moses, unserem grössten Lehrer und 
Propheten, ausspricht: „Sein Auge ward nicht dunkel und
seine Lebensfrische entwich nicht.“ (5 Mos. 34, 7.) Gott sei
mit Ihnen, segne und behüte Sie jetzt und immerdar!

Das Lehrer-Collegium 
des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau.
 
An Sir Moses Montefiore 
Baronet 
in 
Ramsgate. 

[Signatures:]

Dr. B. Zuckermann
zeitiger Vorsitzender
Prof. Dr. H. Graetz
Dr David Rosin
Dr. I. Lewy

Description:
size
paper
booklet of 3 pages
ink
professional scribe
Simple document with few decorations, red leather booklet decorated with black floral frame. 




Observation:
Signed by famous historian Heinrich Graetz (1817-1891)